30.03.2007
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Mitglied seit: 08.03.2007 Beiträge: 4.416 | Interview: Marc Boulay | |  | >> |  | Kannst du uns etwas über deine Vergangenheit erzählen? Wie bist du zur Kunst gekommen? Nun, ich habe mein Leben lang mit Tieren zusammen gelebt. Diese Tatsache und meine schon in jungen Jahren stark ausgeprägte Leidenschaft für die Naturwissenschaften, brachten mich so auf recht natürlichem Wege dazu, meine Beobachtungen aus dem Alltag auch in Zeichnungen und Skulpturen festhalten zu wollen. Ich habe keine Kunsthochschule besucht und meine schulische Laufbahn an sich war eher kurz. Aber viele kleine Jobs halfen mir letztlich dabei, meine persönlichen Studien in den Bereichen vergleichende Anatomie, figürliches Zeichnen und Bildhauerei auf eigene Faust weiterzuführen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, wohin mich meine Leidenschaft führen sollte. Ich wusste nur eins: ich mußte ihr folgen. Nach fünf Jahren eigener Studien und unbarmherziger Arbeit, verließ ich also meinen Geburtsort und zog nach Paris, um meine Fähigkeiten zu perfektionieren und tiefere Einblicke ins Handwerk zu bekommen. Ich klopfte an die Tür dreier Bildhauereistudios, bei denen ich schon immer arbeiten wollte und einige Wochen später wurde dieser Traum endlich wahr. Als Assistenz-Plastiker fing ich bei einem der Studios an, dessen Hauptgeschäft in der Werbung für einen Kosmetikkonzern in Japan lag. In den folgenden zweieinhalb Jahren lernte ich dort von meinem Meister sehr viel über akademische Bildhauerei, hyperrealistische Modellage und das Patinieren und Lasieren von Modellen. Leider wurde meine Leidenschaft für die realistische Darstellung von Tieren in der Welt der Werbung nicht gebraucht. Also verließ ich das Studio so schnell es ging, um für das Muséum national d'Histoire naturelle (National Museum für Naturgeschichte) in Paris zu arbeiten, das zu jener Zeit einen Wildtier-Plastiker für die Renovierung der Großen Gallerie der Evolution suchte. Ich bekam dort eine kleine Werkstatt und konnte jederzeit frei zwischen den verschiedenen Kollektionen umherwandern. Über zwei Jahre lang arbeitete ich dort zusammen mit den wichtigsten Wissenschaftlern an der Rekonstruktion prähistorischer Tierarten. Endlich war ich meinem Kindheitstraum, Paleontologe, Tierarzt oder Zoologe zu werden, wieder ein ganzes Stück näher. Dies war auch die Zeit, in der ich mich zum ersten Mal als Bildhauer und Anatom zu sehen begann. Zoologische Skulpturen wurden somit zum Werkzeug, meiner Leidenschaft Ausdruck zu verleihen und die Früchte meiner Arbeit der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für wen arbeitest du in der Regel? Wer sind deine typischen Kunden? Seit 1990 wurde ich hauptsächlich von Wissenschaftlern für Rekonstruktionsarbeiten gebucht. Ohne diese Aufträge wäre meine Arbeit nicht viel wert und wohl eher ein Hobby geblieben. | | |  | >> | | << |  | >> | Liegt dir eher das Nachahmen bestehender Realität oder das freie Kreieren hyperrealistisch anmutender Fantasiegestalten? Ich liebe es, mit Wissenschaftlern zusammen zu arbeiten und bewundere deren Wissensreichtum. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist jedes mal ein absolut bereicherndes Erlebnis, denn ich denke, dass man als Künstler sehr viel freier kreieren kann, wenn man mehr über Anatomie und die Naturwissenschaften weiß. Denn letztlich geht es doch um das Erstellen glaubhafter und stimmiger Bilder. Wie recherchiert man die Beschaffenheit von Kreaturen, die längst ausgestorben sind? Die Wissenschaftler stellen mir Fossilien und Zeichnungen von Tieren zur Verfügung, die ich als Orientierungshilfe für die Rekonstruktion verwenden kann. Dann suche ich nach einer verwandten Spezies der Gegenwart und stelle Vergleiche an. Der Rechercheaufwand und die Suche nach sachgerechter Dokumentation ist meist enorm. Ich nutze häufig das Internet und habe mir über die Zeit eine eigene Bibliothek angelegt. Ausserdem züchte ich selbst Tiere, die ich in Aquarien und Terrarien beobachten kann. Das ist äußerst hilfreich. Mein Hauptrecherchegebiet ist natürlich Frankreich, aber ich reise auch viel, um alle Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Kommt es vor, dass Modelle bei neuen Erkenntnissen der Wissenschaft überholt werden müssen? (Teil 1) Meine Skulpturen und 3D Modelle unterliegen der ständigen Bewertung und Korrektur seitens der Wissenschaftler. Dieser Schädel hier zum Beispiel wurde im Savannaket Museum auf Laos fotografiert. Rechts daneben sehen wir dann das Modell, das ich unter Berücksichtigung der Änderungen von Bernard Battail (MNHN Paris) erstellt habe.  | | << |  | >> | | << |  | >> | Kommt es vor, dass Modelle bei neuen Erkenntnissen der Wissenschaft überholt werden müssen? (Teil 2) Ja, 1991 rekonstruierte ich zum Beispiel den Ichthyostega, eine vierfüßige Amphibie des hohen Devons - einer zeitlichen Periode innerhalb des Paläozoikums, die vor ca. 359 Millionen Jahren endete. Ganze acht Monate arbeitete ich zusammen mit dem Paleontologen Philippe Janvier an diesem Modell. Alles was mir zur Verfügung stand, um dieses fremde Wesen verstehen zu können, waren ein paar Fossilien und zahlreiche ausgedehnte Gespräche mit Philippe. Das Modell wurde in der Großen Gallerie der Evolution in Paris ausgestellt und als die Forschergemeinde damals von seiner Existenz erfuhr, erteilte mir das Museum für Naturwissenschaften in Brüssel direkt den Folgeauftrag für eine neue Skulptur. Zu dieser Zeit jedoch war Philippe Janvier gerade von einem Wissenschaftskongress zurückgekehrt, auf dem die Entdeckung neuer fossiler Funde unsere bisherigen Darstellungen des Ichthyostegas komplett über den Haufen warf.  Unsere Annahme über existierende Hinterbeine - und damit die gesamte bereits erstellte Rekonstruktion - waren demnach falsch. Es wurde vermutet, dass der Ichyostega wohl eher Kiemen hatte und dass seine Schuppen den ganzen Körper und nicht bloß seinen Schwanz bedeckten. Diese neuen Erkenntnisse flossen in ein korrigiertes Modell ein, den zweiten Ichthyostega, der noch heute in dieser Form in Paris zu sehen ist. | | << |  | >> | | << |  | >> | Wie wichtig ist Inspiration bei wissenschaftlichen Visualisierungen? Woher kommt sie? Inspiration bei akademischen Arbeiten erwächst durch Wissen, Recherche und das Verstehen der Zusammenhänge. Wenn ich mein Sujet erst einmal vollständig begriffen habe, versuche ich nicht mehr viel darüber nachzudenken, sondern überlasse die weitere Gestaltung meinen Händen, dem Messer und dem Lehm.  Kannst du kurz beschreiben, worauf es bei der Gestaltung von Skulpturen oder Modellen ankommt? Ich würde sagen, dass 90% der Arbeit an einer Skulptur aus Recherche und Beobachtung besteht. Als ich damals meine ersten Ameisen modellierte, verbrachte ich zuvor ungefähr sechs Monate damit, sie zu studieren. Sowohl in ihrem natürlichen Lebensraum, wie auch in einem künstlichen Ameisenhügel mit Hilfe eines biokularen Mikroskops. Oft verbrachte ich viele Stunden vor Terrarien oder auf dem bodenliegend in der Natur, bevor ich mit den ersten Skizzen und rudimentären Modellen begann. Ist diese Phase einmal abgeschlossen, ist der Rest nur noch Handwerk. Wo liegen Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zur 3D Gestaltung? Wie gesagt, der Hauptteil der Tätigkeit bleibt auch bei der Arbeit an 3D Modellen gleich: Recherche, Beobachtung, Verstehen. Danach ist dann bloß das Werkzeug ein anderes. Für mich liegt der wesentliche Unterschied jedoch eher in der Geschwindigkeit und in der Mobilität. Mit 3D Software arbeite ich wesentlich schneller, sauberer und bin außerdem ortsunabhängig. Ich brauche weder eine Werkstatt noch ein Atelier. Bildhauerei oder Computerarbeit, was machst du lieber? Heute, nach zwanzig Jahren der traditionellen Bildhauerei, muss ich gestehen, dass ich sehr glücklich bin, ausschließlich mit 3D Software arbeiten zu können. Seit ich 2005 Pixologic Zbrush entdeckte, haben meine Hände nie wieder Lehm berührt. Und ich vermisse nichts. 
Wenn man sich die folgenden Bilder ansieht, versteht man vielleicht besser, was ich meine. An der echten Skulptur (links) arbeitete ich drei Monate mit einem anderen Bildhauer. Das 3D Modell (rechts) enstand in drei Tagen zusammen mit Sylvia Lorrain. | | << |  | >> | | << |  | >> | Hast du dich als traditioneller Künstler schon immer auch für Computer als Werkzeug interessiert? Oder haben neuartige 3D Programme dir den Weg dorthin erst geöffnet? 1995 arbeitete ich an einigen Filmen für Ex Machina, eine 3D Produktionsfirma in Paris. Ich war bei dem Projekt als Plastiker und als Berater für Bio-Mechanik angestellt und man scannte dort meine Skulpturen, um Sie später als 3D Modelle zu verwenden. Damals waren die existierenden 3D Grafiksysteme einfach noch nicht für traditionelle Künstler wie mich konzipiert. Ich musste also zehn lange Jahre warten, bis Pixologic endlich mit ZBrush auf den Markt kam. Und das veränderte für mich alles.  Ich bin weder vom Herzen noch vom Verstand her ein Computergrafiker, aber probiert habe ich dennoch viele verschiedene Programme wie zum Beispiel Blender, 3DS Max, Maya oder auch Cinema 4D. Diese Tools waren mir als Bildhauer aber allesamt nicht nah genug am Prozess des Modellierens von Materie orientiert. Kartesische Koordinatensysteme, X-,Y-,Z-Achsen und all das verhinderten im Grunde, dass ich mich dem Medium auf natürliche Art nähern konnte. 
Das änderte sich mit ZBrush 2 dramatisch. Die Software ließ mich nicht nur ähnlich arbeiten, wie ich es gewohnt war, sondern sie erweiterte die Möglichkeiten der traditionellen Bildhauerei sogar noch immens. | | << |  | >> | | << |  | | Welche Wünsche lässt aktuelle Software deiner Meinung nach offen? Was könnte man am Arbeitsablauf verbessern? So einfach zum Beispiel ZBrush auch zu benutzen ist, technische Hemmnisse verlangsamen die Produktionsabläufe immer noch sehr. Wenn ich mit Lehm arbeite, bin ich völlig frei, mich auf die Anatomie des Sujets und auf dessen künstlerische Anmutung zu konzentrieren. Diese Freiheit würde ich mir auch von 3D Software wünschen. UV-Koordinaten, Displacement-Mapping und so weiter sind momentan leider immer noch große Hemmnisse, die nur bestehen, weil aktuelle Hardware in Produktionspipelines noch nicht stark genug ist, ohne solche Annäherungen auszukommen. Ich finde, Künstler sollten durch ihre Existenz nicht eingeschränkt werden. Du arbeitest in letzter Zeit häufig mit Sylvia Lorrain zusammen? Was verbindet euch? Ich habe immer schon davon geträumt, meine Liebe zur Tierwelt und meinen endlosen Hunger nach Wissen mit jemandem teilen zu können. Heute kann ich dies mit Sylvia. Wir verfolgen ähnliche Ziele in unserer Kunst, weshalb die Zusammenarbeit mit ihr eine natürliche Konsequenz unseres Treffens war. 
Was hälst du vom Klischee des "hungernden Künstlers"?
Ich finde, ein Künstler sollte vom Hunger getrieben werden. Er sollte stets hungrig nach Wissen sein und trunken von Demut! ©2007,pixi | | << |  | | |
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